Sozialer Brennpunkt Speisewagen

Großer Salat mit Hähnchenbrust aus dem ICE Bordrestaurant

Großer Salat mit Hähnchenbrust aus dem ICE Bordrestaurant

Egal ob Deutschland oder international. Egal ob Fernverkehr, Langstrecken-Regionalverkehr oder Privatbahn. Es gibt doch in den meisten Zügen, die einen etwas weiteren Weg zurücklegen immer einen ganz besonderen Wagen im Zug, manchmal vielleicht auch nur als kleinen Bereich: den Speisewagen.

Ich erinnere mich da noch gut an meine frühe Kindheit. Ich bin schon immer gerne mit dem Zug gefahren, habe es geliebt, aus dem Fenster zu blicken, die Landschaft vorbei düsen zu sehen – und ab und an sogar einmal im Speisewagen zu sitzen. Zum Beispiel mit meiner Oma, als sie mit mir einen Ausflug nach Zürich in die Schweiz gemacht hat.

Was wäre eine solche Fahrt ohne Besuch (und wenn er nur kurz für einen Kaffee ist) im Speisewagen. Ich sage absichtlich Speisewagen und nicht “Bordrestaurant” oder “Bordbistro”. Viel zu neumodisches Deutsch. Denn dieser Bereich im Zug ist mehr als nur Reisen, das ist eigentlich schon Kultur.

Aber dieser Wagen hat magische Kräfte, egal, welcher Zug, egal wie groß. Nein, ich meine damit nicht das Geld aus dem Portmonee zu ziehen. Sondern einen wunderbar sozialen Effekt hat diese Kraft: sie bringt Menschen zusammen, die sich davor völlig fremd waren.

In Deutschland gibt es grundsätzlich einen Mangel an Small-Talk. In unserer Gesellschaft sind die meisten unter Fremden sehr zurückhaltend, vorsichtig, misstrauisch… egoistisch. Ich habe es schon oft erlebt, dass man jemanden im Zug anspricht oder jemand angesprochen wird. Das Gegenüber reagiert zumeist sehr voreingenommen. Ganz nach der Art: “Was will der von mir?!” Aber gerade diese kleinen, unbedeutenden Gespräche können eine Zugfahrt richtig unterhaltsam werden lassen.

Das jüngste Beispiel ereignete sich an einem Mittwochabend. Ich war in Baden-Württemberg jemanden besuchen und bin abends von Aschaffenburg aus mit dem ICE wieder gen München gebraust. Nachdem es halb sieben am Abend war, hat es sich geradezu angeboten, an Bord des ICE zu speisen. Gesagt, getan habe ich sofort genau diesen Wagen aufgesucht. Er war erstaunlich voll, aber an einem 4er-Tisch saß nur ein Mann mit seinem Weißbier. Ich fragte, ob ich mich dazusetzen dürfe, er lächelte freudlich und bat mich, mich doch zu setzen. Die Kellnerin (oder wie man heute bei der DB dazu sagt: “Mitarbeiter in der Bordgastronomie” oder “Bordstewardess”) kam vorbei, und nahm freundlich meine Bestellung auf. Einen großen Salatteller mit Hähnchenbrust und ein Bier sollte es werden.

Das Bier wurde fix gezapft in der Küche und schon stand bei mir auf dem Tisch mit den Worten: “Zum Wohl!”
Und wie nicht anders zu erwarten (mehr oder weniger), hebte der Mann schräg gegenüber von mir sein Weißbier an und prostete mit zu. Wir stießen an und genossen die Fahrt. Er stieg zwar bereits an der nächsten Station, in Würzburg, wieder aus. Aber es war doch ein sehr sympathischer, da nicht so verschlossener Mensch. Sowas mag ich! :-)

Auf der Fahrt zwischen Würzburg und Nürnberg Hbf war ich somit an meinem Tisch alleine. Leer war das Restaurant aber auf keinen Fall! Auf der anderen Seite des Wagens am Zweiertisch saßen zwei junge Geschäftsmänner, allerhöchstens 30 (beide). Sie unterhielten sich angeregt über Geschäftskontakte, gemachte Erfahrungen und vieles mehr. So eine Tätigkeit wäre echt gar nichts für mich. Ich mag meinen Beruf aus verdammt vielen Gründen immer noch und bereue nichts :-)

IMG-20130522-WA0017In Nürnberg wurde dann der eine Teil unseres doppelten ICE 3 abgehängt (geschah wohl außerplanmäßig), was dazu führte, dass wir nur noch einen Speisewagen dabei hatten. Der Zug wurde recht voll und so kam noch ein Fahrgast hier hinein, sah den praktisch leeren Tisch, an dem ich saß, setzte sich dazu und las die Speisekarte. Ich hatte ohnehin vor, mir auch noch ein Bier zu bestellen. Mein Gegenüber hatte genau den gleichen Gedanken. Auch ihm protestete ich zu, er kam eindeutig aus München.

Er beschloss eine deftige Brotzeit zu essen, während er noch ein wenig am Laptop was arbeitete. Sehr zuvorkommend fragte er mich, ob es mich stören würde, wenn er etwas mehr Platz brauche. Irgendwann kam er mit den beiden anderen Kerlen ins Gespräch über alle möglichen Geschäftsthemen. Gegen Ende der Fahrt tauschten sie noch Visitenkarten aus, mit dem Gedanken in Kontakt zu bleiben, sich einmal wieder zu treffen und evtl. sogar eine Geschäftsbeziehung zu führen. Klang jedenfalls so. Allein sowas rechtfertigt doch die Fahrkarte, oder? :D (zumindest aus deren Sicht)

Eine der schönsten Erfahrungen, die ich im Speisewagen machen durfte, war allerdings zwischen Köln und Frankfurt. Ich war mit einem Kollegen unterwegs, der Zug war unglaublich voll. Wir beschlossen also (nachdem wir eh nur bis Frankfurt wollten), uns im Speisewagen niederzulassen und dort einen Kaffee zu trinken und ein Stück Kuchen zu essen. Den gleichen Gedanken hatte später ab Siegburg/Bonn noch eine andere Frau. Sie war allerdings (wie sich später herausstellte) auf dem Weg nach Basel, um weiter in die Schweiz zu fahren.

Ich unterhielt mich während der Fahrt mit meinem Kollegen auch über Themen aus der Ausbildung damals. Die Frau zeigte Interesse, hatte sie doch noch nie wirklichen Kontakt mit Eisenbahnern. Wir hatten eine wirklich interessante Unterhaltung mit ihr. Sie interessierte sich sehr für den Beruf des Lokführers, weil sie selbst Kapitänin ist. Das hätten beide nicht gedacht, aber war sehr spannend, ihr zuzuhören. Sie käme aus ihrem Ferienhaus in Rheinland-Pfalz, sei auf dem Weg zum Genfer See, wo sie aktuell wohne und arbeite. Ein Haus in Frankreich (woher sie auch offentlich stammte) hat sie wohl auch noch gehabt. Es ist uns allen drei schwer gefallen, in Frankfurt die Unterhaltung unterbrechen zu müssen, war eine klasse Fahrt!

Das ist ein wirklich, wirklich interessantes Phänomen im Speisewagen. Er bringt Alt und Jung, Arm und Reich (wobei es schwer ist zu sagen “arm”; wenn man immerhin schon im ICE sitzt?) zusammen ohne Vorurteile, es entstehen unglaublich viele teils tiefgründige Dialoge und Diskussionen, man lernt viele interessante Menschen kennen. Auch, wenn eine nicht berufstätige Hausfrau einem gegenübersitzt kommen da richtig interessante Geschichten auf den Tisch. Im wahrsten Sinne des Wortes, haha! :-D

Man müsste hier tatsächlich mal eine Rubrik aufmachen mit Geschichten aus dem Speisewagen. Mal im Hinterkopf behalten ;-)

In diesem Sinne: Ein schönes Wochenende wünsche ich, ich muss leider arbeiten.

Viele Grüße,
Benedikt

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