Erstklassige Schwabenländle-Tour

“Es kommt immer anders, als man Kartoffel”. Genau nach dem Prinzip bin ich gestern doch auf Tour gegangen, obwohl ich die mit Arno geplante nicht durchgezogen habe. Allerdings ist das auch keine Deutschland-Tour gewesen, sondern eine durchs Schwabenländle.

Los ging alles bei mir in der Früh, kurz nach 7 Uhr morgens. Vor dem Verlassen des Hauses traf mich da schon der erste Schock, als ich das Thermometer betrachtete und so rund 10 Grad erwartete zu lesen. Nein, 2 °C waren es – sowas von bitter kalt (vergleichsweise natürlich nur). Musste ich glatt nochmal meine Kleidung wechseln, sonst wäre ich als Eis-Schein-Heiliger am Bahnhof gestanden wahrscheinlich.

Ein guter Kaffee im ICE ist einfach ein Muss! :-)

Ein guter Kaffee im ICE ist einfach ein Muss! :-)

Sehr zu meiner Freude der Anblick am Bahnhof, der die 8 Minuten Verspätung sofort in den Hintergrund hat rücken lassen: es erwartete mich mal wieder eine Silberling-Garnitur als Zubringer zu meinem ICE in Augsburg. In Augsburg war es dann doch relativ knapp, hab meinen ICE aber noch bekommen. Wegen der Wasen- und Wiesn-Zeit in Stuttgart bzw. München bleibt einem im Nahverkehr aktuell kaum was anderes wie 1. Klasse übrig. Und einfach, weil ich es kann und Bock drauf hatte, habe ich mir auch für den ICE von Augsburg nach Ulm ein Ticket dafür gezogen. Kostet nichtmal 20 Euro, kann man verschmerzen. Erstmal schön ein koffeinhaltiges Heißgetränk geordert und dann die Fahrt genossen.

In Ulm angekommen (pünktlich, wie die Bahn – diesmal ganz ohne Ironie!) war ich dann erstmal extremst froh, mich bereits am heimischen Bahnhof um mein Baden-Württemberg-Ticket gekümmert zu haben – der Bahnhof war so brechend voll von Menschen, da war kein Durchkommen zu einem Automaten in Sicht. Also konnte ich die Wartezeit sinnvoll überbrücken und einmal einen Geldautomaten überreden, mir doch Geld zu geben. Was selbst dort für eine Überraschung sorgte: steh ich doch glatt an einem der beiden Automaten, am anderen ein Mädel mit ihrem oder einem Freund. Hat scheinbar mit seiner Karte Geld geholt. Er diktierte ihr lauthals seine Geheimzahl. Schön blöd. Hab mich mal stillgehalten, ist mir eh egal. Sein Problem, nicht meines :-D

Im IRE auf der Südbahn von Ulm nach Aulendorf

Im IRE auf der Südbahn von Ulm nach Aulendorf

Zurück am Ulmer Hbf war dann mein IRE auch schon am Bahnsteig gerade mit dem Lokwechsel (146 geht weg, 218 dran) beschäftigt und habe mir meinen Platz gesucht. Bei schönstem Wetter ging es dann über die Südbahn nach Aulendorf (dort angekommen war es allerdings total bedeckt und neblig).

In Aulendorf musste ich noch bei eisigem Wind am Bahnsteig ausharren, bis mein Zug nach Bad Wurzach eintraf. Das ist eine Nebenbahn, die von der eingleisigen Hauptbahn Aulendorf-Kißlegg im Bahnhof Roßberg (ohne Personenzughalt) abzweigt. Hier wird nur im Saisonbetrieb gefahren, weswegen ich den vorletzten Betriebstag einmal ausnutzen wollte. [Heißt ganz nebenbei bemerkt auch “Roßbergbahn”.]

Der "Flyer" des Radexpress Oberschwaben

Der “Flyer” des Radexpress Oberschwaben

Die Strecke ist sehr schön, führt durch viel Grün und im Bahnhof Roßberg ist es schon etwas ungewohnt. Der Zug bleibt einfach so stehen, Lokführer geht auf die andere Seite und schon fahren wir wieder gefühlt zurück. Der Rest bis nach Bad Wurzach war natürlich dann auch der schönste Teil. Allerdings nur aus landschaftlicher Sicht, was man bei dem Nebel zumindest sehen konnte. Aus eisenbahn-nostalgischer Sicht ist es ein Graus. Hier wurde so viel zurückgebaut, Gleise rausgerissen oder zumindest abgeschnitten und stillgelegt, Bahnhöfe stillgelegt; kleiner Trost: die meisten Bahnhofsgebäude sind noch erhalten geblieben und heute im Besitz von Privatleuten (davon gehe ich zumindest mal aus). In Bad Wurzach selbst dann die Überraschung: plötzlich stehen Kesselwagen in einem Anschlussgleis einer Firma, die eindeutig noch in Betrieb ist. Toll!

Toll war auch, dass dieser “Radexpress Oberschwaben” sogar eine Bewirtschaftung hatte durch eine in Aulendorf ansässige Bäckerei. Also kurzerhand eine Butterbreze geholt, kam gerade recht und war den Euro definitiv wert ;-) In Bad Wurzach ging dann alles ganz fix. Kaum angekommen wurden ein paar neue Fahrgäste samt Rädern eingeladen und nach 5 Minuten Wendezeit ging es auch schon wieder zurück Richtung Aulendorf. Auf der Rückfahrt bemerkte mich die Zugbegleiterin wieder und sprach: “Oh, das ist aber ne schnelle Runde – einmal hin und zurück was?” und lachte.

Nun, ich klärte sie über meine Absichten auf und es entstand etwas zwischen uns, was man so in Deutschland (wie bereits hier mal erwähnt) nur selten findet: ein wunderbarer Smalltalk unter “Kollegen” (ja, ich hatte mich “geoutet” bei ihr, sie erkannte meinen Rucksack und war neugierig :-P). Was wir redeten war relativ wenig von Belange für euch. Allerdings hat es mir die eine oder andere “Tür” (mal absichtlich in Anführungszeichen, damit das nicht missverstanden wird; nicht, dass man mir etwas unterstellen kann) geöffnet.

Die Postkarten, der Kuli und die Gummibärchen

Die Postkarten, der Kuli und die Gummibärchen

Ich bemerkte schon auf der Hinfahrt beim Einstieg in Aulendorf, dass hier (man kennt es vom Fernverkehr) Broschüren auslagen über diesen Zug. Ist ja auch was besonderes, saisonales. Prima, dachte ich mir, das kannst du super für den Blog hernehmen, fotografieren, aufbewahren, was auch immer. Die Zugbegleiterin meinte dann, ob ich eine Postkarte haben wolle. Könne ich beschriften und kostenlos abschicken. Müsse sie ihr nur geben. Ich war total überfordert und angesichts dessen, dass ich spontan keine Idee hatte, wem ich die schicken solle, meinte ich, ich würde sie gerne als Andenken aufheben. Wie musste es kommen? Natütrlich, ich bekam eine extrige zum Mitnehmen. Und einen (gut schreibenden) Werbe-Kuli, damit ich die Karte gleich beschriften kann. Einfach nur: okaaaayyyy…

Das Highlight: das Buch zu den Strecken

Das Highlight: das Buch zu den Strecken

Die Karte HABE ich beschriftet und ihr gegeben, sie wird bei einem meiner RSS-Leser ankommen, wer, das verrate ich nicht ;-) Natürlich bekam ich (als armer Eisenbahner, der ich doch bin – wie alle meine Kollegen) noch eine Wegzehrung in Form von zwei kleinen Packungen Gummibärchen :-D
Und zu guter Letzt (ich glaubte es langsam echt nicht mehr) bekam ich sogar noch ein Buch geschenkt über die Region der Strecken von Aulendorf nach Bad Wurzach bzw. nach Pfullendorf. Sehr schön bebildert (aktuelle und viele alte), nette Texte, muss ich mir mal genau ansehen. Auf die Einladung, auch noch für die Zeit der Wende mit zu kommen ins Abstellgleis hatte ich dann aber verzichtet. Ich wollte ja meinen Anschlusszug bekommen in Aulendorf ;-)

Als “Koffein-Jünger” verbunden mit den recht niedrigen Temperaturen liegt ein Besuch im Bahnhofs-Bäcker doch recht nahe. Mein Gang dort hin wurde dann allerdings von einem Kollegen unterbrochen. Dieser fuhr zwar ebenfalls in zivil, aber auch mit Bahn-Rucksack, in den gleichen Zügen wie ich mit, hatte ihn schon bemerkt. Gut, so einen Rucksack zu haben ist nicht schwierig und schon gar nicht ungewöhnlich, kann man sich jederzeit legal bestellen und das Tragen nicht verboten. Tragen ja auch sehr viele Eisenbahn-Fetischisten. Zum Glück weiß ich mittlerweile, wie man sie erkennen kann – und wer wirklich ein Kollege ist und es nicht nur gerne wäre.
Ich sollte mir abgewöhnen so abzuschweifen, egal, zurück: besagter Kollege stand beim Rauchen am Bahnsteig und ehe ich bemerkte, dass ER es ist schallte schon ein “Na, und wo geht’s bei dir jetzt hin?” zu mir herüber. Er bekam wohl das Gespräch der Zugbegleiterin und mir mit, saß ja im gleichen Wagen. Hatten uns dann noch über dies und jenes unterhalten, er war auch Lokführer (und ist es bestimmt ja immer noch, haha :D). Wie heißt es so schön? “Wichtige dienstliche Gespräche” eben ;-)

Da ich aufgehalten wurde, bis er in seinen Zug nach Stuttgart gestiegen ist, wurde die Zeit bis zu meinem recht knapp – aber der Kaffee sollte drin sein. Nein, falsch gedacht. Es war recht voll im Bäcker und die Verkäuferin hinter der Theke wohl leicht überfordert mit der Situation. Multitasking lag ihr nicht so im Blut. Ich wollte aber den Zug nicht verpassen. Schweren Herzens musste ich also auf meinen Kaffee verzichten. Am Gleis erwartete ich dann meine Regionalbahn. Ich ging von einem Regioshuttle RS1 von Stadler aus, wäre für die Region typisch. Nun, stand dort auch – aber nicht in verkehrsrot lackiert, was die Bezeichnung “RB” erwarten ließ. Nein, es war ein Zug der Hohenzollerischen Landesbahn (kurz HzL) – allerdings gefahren im Auftrag der DB ZugBus Regionalverkehr Alb-Bodensee GmbH – Sachen gibt es, das ist schon kurios. Mit diesem Zug ging es dann über Bad Saulgau nach Herbertingen. Dieser Streckenabschnitt fehlte mir noch und von Herbertingen aus ging dann auch gleich wieder weiter Richtung Ulm.

Nachdem es sich um einen IRE handelte fürchtete ich, einen 611 zu erwischen. Gedacht, bekommen. Etwas überraschend ist er allerdings komplett ohne Neigetechnik unterwegs gewesen. Nicht nur ohne bogenschnellem Fahren, sondern auch ohne Komfort-Neigung. Trotzdem ist mir irgendwie schlecht geworden, keine Ahnung, wieso – ist wahrscheinlich der Hass auf die Baureihen 611 und 612 – hoch lebe der 610! :D

geschleppte Lok in der Mitte? Sah komisch aus und wäre unpraktisch, wurde aber noch geändert durch die Rangierer

geschleppte Lok in der Mitte? Sah komisch aus und wäre unpraktisch, wurde aber noch geändert durch die Rangierer

In Ulm hatte ich über eine Stunde Pause, der Bahnhof hatte seit in der Früh wieder geleert, war deutlich angenehmer. Aber in Ulm ist immer viel los. Ich bemerkte beim Blick aus der Halle raus zu den Gleisen, dass auf dem Gleis ohne Bahnsteig zwischen Gleis 1 und 2 ein Intercity-Wagen zum stehen kam. Sehr eigenartig. Beim Gang nach draußen bestätigte sich meine Vermutung: die tägliche Schadenwagenzug [Anmerkung für meine Vorgesetzten: das ist mehr als deutlich an der Bezettelung der Wagen auch vom Bahnsteig aus zu sehen und somit alles andere als ein Geheimnis]. Wird gefahren vom Fernverkehr. Ich kenne einen Kollegen, der diese Schicht öfter mal hat – aber der Zufall müsste schon sehr groß sein, dass ausgerechnet er heute den Zug fährt. Nun, im Süden stand eine 115 am Zug mit geöffneter Führerstandstür – da wird man natürlich neugierig. Und wie es (Murphy lässt grüßen) sein muss: genau der Kollege war es. Hatten uns noch gut unterhalten, nachdem die Rangierer noch beschäftigt waren mit Kuppeln, Umkuppeln etc pp.

Im Bahnhof Amstetten treffen noch das schöne alte Bundesbahn-Logo auf ein neues Ortierungsschild. Gefällt!

Im Bahnhof Amstetten treffen noch das schöne alte Bundesbahn-Logo auf ein neues Ortierungsschild. Gefällt!

Plötzlich war dann nicht nur für ihn schon Abfahrt, sondern auch ich musste zu meinem nächsten Zug. Der IRE sollte mich ohne Halt nach Geislingen (Steige) bringen. Einmal durch Amstetten durch, wo ich ja hin wollte. Also einmal die Steige runter, auf den Gegenzug warten, der paar Minuten später kam und mich nach Amstetten brachte und eben nochmal wieder rauf. Ankommen in Amstetten, ausgestiegen und rüber – zu meiner wichtigsten Aktion an diesem Tag: einer Fahrt mit der Lokalbahn Amstetten – Geislingen!

Der Triebwagen T 06 bei bestem Wetter im Bahnhof Amstetten

Der Triebwagen T 06 bei bestem Wetter im Bahnhof Amstetten

Der Umweg natürlich nur, weil ich genügend Zeit bis zur nächsten Fahrt hatte. An diesem Tag war kompletter Diesel-Betrieb mit deren historischen Triebwagen T06 (siehe verlinkter Webseite und Fotos hier). Die Fahrt nach Gerstetten verbrachte ich im Fahrgastraum – wunderschön hergerichtet, top gepflegt – es war mehr als offensichtlich wie unglaublich Arbeit da drin steckt. Ich habe von der Fahrt ein paar Bilder gemacht, mehr als “traumhaft” bei dem perfekten spätsommerlichen/herbstlichen Wetter durch die Schwäbische Alb zu fahren, kann man dazu kaum sagen – lieber: ausprobieren, es lohnt sich! :-)

Bei der Wende fragte ich den Triebwagenführer (oder kurz natürlich auch Lokführer), ob er einem Kollegen die Mitfahrt erlauben würde im “Dienstraum” neben sich auf der Bank. Hatte mich bestens mit ihm unterhalten, wie immer unter Kollegen eben, er arbeitete auch bei der DB. Hatte mir noch das Fahrzeug in seinen Besonderheiten erklären lassen und viel gezeigt bekommen. Auf der Rückfahrt runter nach Amstetten hatte ich dann mit ihm und dem sehr jungen (geschätzt wohl erst 13/14 Jahre alt) Zugbegleiter vom Verein beste Unterhaltung, danke nochmals an euch beide, wenn ihr das zufällig lesen solltet, hat echt Spaß gemacht!

Auch in Amstetten hatte ich natürlich noch einiges an Zeit übrig bis zu meinem nächsten Zug nach Stuttgart. Hatten uns dann beinahe schon wieder so verquatscht, dass ich fast den Zug verpasst, der (zu meinem Pech in diesem Fall :-D) absolut pünktlich unterwegs war.

Der Rest des Tages war dann alles andere als spektakulär. Ich bin in Baden-Württemberg geblieben und habe bei einem Freund übernachtet. Mit dem Artikel bin ich während der Fahrt allerdings leider nicht fertig geworden, habe den jetzt heute Abend vollendet und präsentiere ihn euch jetzt. Hoffe er gefällt, bessere Bilder konnte ich leider auch nicht machen, da ich nur mein Handy und nicht meine DSLR dabei hatte.

Sehr tapfer, wenn ihr hier angekommen seid, vielen lieben Dank fürs Lesen! :-)

Viele Grüße,
Benedikt

P.S.: Der Artikel dürfte mit über 2000 Wörtern definitiv der längste sein, den ich hier bisher geschrieben habe ;-)

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