Streik & Unverständnis

Quelle & Copyright: daserste.de

Quelle & Copyright: daserste.de

Allährlich, nahezu eine Tradition, die keiner leiden kann – so möchte man den nun bereits neunten Streik der Gewerkschaft deutcher Lokomotivführer (GdL) bei der Deutschen Bahn AG in dieser Tarifrunde fast schon nennen.

Bei vielen Reisenden und teils treuen Bahnkunden schwindet immer mehr der das Verständnis, viele bleiben hartnäckig, bleiben weiterhin treu (so, wie wir hier), andere sind nur Spontanfahrer, die sich wie immer alle Alternativen gut anschauen und ohnehin nur möglichst billig von A nach B wollen, wieder anderen ist es geradezu Wind in den Segeln, weil sie Bahn nie nutzen würden.

In diesen Tagen gibt es da draußen sehr viele Schicksale – gute, wie wahrscheinlich am meisten aber auch schlechte. Und da so ein Streik in unserer hektischen und modernen Zeit zu einer gewissen Form von Entschleunigung führt, nehme ich mir hier auch mal die Zeit, um ein paar Worte aus Pendlersicht dazu zu schreiben.

Ich selbst habe glücklicherweise gerade Urlaub und bin nicht darauf angewiesen, mit der Bahn unterwegs zu sein, weil ich eh nicht in die Arbeit muss. Ich war aber gestern trotzdem privat mal eben in München. Und da fiel mir wieder mal etwas auf, was man schon an allen anderen Streiks gut beobachten konnte: es gibt nur zwei Sorten von Fahrgästen in den Tagen – die aufgebrachten und die ruhigen, die sich ihrem Schicksal fügen sozusagen.

Letztere sind vor allem die “leidgeprüften” (das klingt härter, als es vielleicht ist – aber irgendwie ist es nun doch die Wahrheit) Dauer-Pendler, die Tag für Tag die Dienstleistungen der Bahn in Anspruch nehmen. Das meiste Geschimpfe kommt doch eher aus dem Lager der Gelegenheitsfahrer.

Und sehr faszinierend ist dabei auch, wieviele Bahn-Experten sich dann in vollen Zügen und an Bahnhöfen auf einmal finden. Jeder weiß am besten, wie es weiter gehen sollte im Konflikt und überhaupt. Auch für die Fernsehmedien sind diese Menschen das gefundene Fressen. Wie ein Geier, der ein totes Tier erspäht hat, stürzen sie sich auf den Bahnhöfen auf die Fahrgäste, befragen sie zum Streik. Gesendet wird dann meistens natürlich nur das, was ins Konzept passt: die Kritiker. Um das natürlich nicht so wirken zu lassen gibt es in jeder Nachrichtensendung zu diesem Thema immer den Quoten-Sympathisanten. Einer findet es immer gut, dass hier gekämpft wird. (Ist wirklich so, beobachtet das mal.) Aber repräsentativ ist eine derartige Umfrage natürlich unter keinen Umständen. Das ist Boulevardstil von einem Journalismus.

Ich zappte heute Vormittag ein wenig durch die Fernsehkanäle, da entdeckte ich etwas, was noch niemand die Fahrgäste gefragt hatte: warum würde eigentlich dieses mal gestreikt?

Die Kamera hielt dabei viele ratlose, fragende Gesichter fest, wohingegen einige versuchten es zu erklären, aber so richtig weit kamen sie nicht. Das ist auch mein Eindruck aktuell von der Öffentlichkeit. Und dabei geht es mir nicht nur um den Otto Normalbahnfahrer, sondern auch um die meisten (nicht so seriösen) Medien. So richtig versteht kaum einer, was hier gerade passiert. Das liegt sicherlich daran, was die Pressestellen der beiden Parteien so kommunizieren: die Deutsche Bahn sieht sich immer als die, die das Leid aushalten müsse, stets unschuldig, haben Mitleid mit den Fahrgästen. Die glauben es ihr natürlich, weil… ja, es ist halt die Bahn.

Gleichzeitig hat die GdL ein riesiges Problem: sie kann in der Öffentlichkeit einfach nicht vernünftig (das heißt auch kurz und prägnant) erklären, warum sie so handelt, wie sie eben handelt. So entsteht für mich dieser allgemeine Hass auf einen erneuten Streik.

Daher mein Aufruf an alle da draußen: wenn ihr keine Ahnung habt, worüber ihr eigentlich schimpft, dann lasst es doch einfach mal – ist doch sowieso nur verschwendete Energie, die euch auch nicht weiter bringt. Jeder weiß um die Schwierigkeiten, die das mit sich bringt, Bescheid. Sonst braucht sich auch keiner wundern, wenn er als “typisch Deutsch” bezeichnet wird – das ist es nämlich. Hauptsache man kann schimpfen ;)

In diesem Sinne: Keep calm, have a tea and a good trip!

Benedikt

Hinterlasse eine Antwort